Paradies 2007

Paradies text: Verena KasparText zur Ausstellung Strabag Kunstforum 2008Heinrich von Kleist beschreibt in der Novelle „Über das Marionettentheater“ das Zwiegespräch mit einem sehr talentierten Tänzer, den er zum wiederholten Male beim Besuch eines Marionettentheaters antrifft. Dieser Tänzer ist von der Grazie der Marionetten, deren Beweglichkeit, Leichtigkeit und Ebenmaß fasziniert. Er ist überzeugt, dass deren Anmut von einem Menschen schlechthin unmöglich zu erreichen ist, denn das Bewusstsein hindert ihn daran. Es geht in Kleists Novelle so auch um die Frage nach dem Verlust der Leichtigkeit, die den Menschen abhanden ging, als sie vom Baum der Erkenntnis aßen. Die Grazie der Marionetten könne nur noch von einem Gott erreichet werden, meint der Tänzer oder – so schlussfolgert Kleist – wenn der Mensch zum zweiten Mal vom Baum der Erkenntnis äße.Eine Serie von großformatigen Zeichnungen von Birgit Pleschberger trägt den Titel „Paradies“ und zu sehen sind marionettenähnliche Figuren…Edward Gordon Craig beschreibt in seinem Buch „Über die Kunst des Theaters“ die „Übermarionette“, die fähig ist, den Körper dem Geist zu unterwerfen und sich so ganz in den Dienst der Idee stellen kann. Wie bei Kleist ist auch bei Craig die Marionette durch die Absenz des Bewusstseins und ohne die Beschränkungen des Fleisches dem Menschen überlegen.Marionetten, Puppen und menschenähnliche Maschinen tauchen in der Kunst immer dort auf, wo sie dem Magischen, dem Unwirklichen und dem Surrealen der menschlichen Existenz nachspürt: Verstärkt geschieht dies in den ersten zwei Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts, in der Zeit in der Kunst nicht mehr als Abbild von Realität, sondern als künstliche Gegenwelt in Erscheinung tritt.Puppen und Marionetten stehen als Sinnbild für die Zeit der Industrialisierung und der einhergehenden Technologisierung des Alltags der Menschen. Die Puppe oder Marionette ist die Grenzfigur zwischen Mensch und Maschine, sie ist Sinnbild für das Verhältnis von Natur und Kunst, Schein und Sein, Original und Kopie, Wahrheit oder Lüge.Künstlerinnen und Künstler wie Sophie Täuber-Arp, Alexandra Exter oder Otto Morach, entwarfen Figuren und Bühnenbilder für Marionettentheater – und Gliederpuppen bevölkern die Leinwände von Künstlern wie Oskar Schlemmer oder Giorgio de Chirico. Schlemmer versuchte, die menschliche Figur vom Naturvorbild zu lösen, um – ganz nach Kleist – künstlerische Anmut und Grazie zu erreichen, die von keinem reflektierenden Bewusstsein beeinträchtigt wird.Stelarc, ein zeitgenössischer Künstler, hängt sich gar selbst mittels Hacken durch die Haut an Seilen auf. Ähnlich auch die in Wien lebende Künstlerin Roberta Lima, die sich, bei einer Studioperformance im Wiener Semperdepot, mit Hacken an den Knien in die Luft ziehen ließ um Kopfüber über dem Boden zu schweben und sich selbst den Seilen an denen sie hängt, und der Belastbarkeit ihres eigenen Körpers ausliefert.

Auf den großformatigen Zeichnungen von Birgit Pleschberger sind junge Menschen zu sehen, alleine, zu zweit oder mehrt. Sie spielen, vergnügen sich, sind miteinander in Kontakt, wenden sich voneinander ab. Sie sind teils in Aktion zeichnerisch fixiert oder wirken arretiert, in einer unbewegten Position festgehalten. Drei wesentliche Merkmale verbinden alle Protagonisten der Paradies-Serie: Sie alle agieren auf einer bühnenhaft wirkenden, indifferenten, leeren Plattform, ihre Ellbogen, Knie und Kiefer sind durch Scharniere ersetzt und an ihren Finger- und Zehenspitzen, sowie an den Schultern sind mittels Hacken Seile befestigt, die sich ornamental über die Bildfläche verteilen, um schließlich über deren Rand hinauszuführen.

Auch wenn die Figuren durchaus sehr menschliche Züge haben, sehen wir uns gleich an Marionetten und Gliederpuppen erinnert, denen eine Unmenge an Zuschreibungen gemacht wird. Marionetten sind gelenkt, geleitet, sie haben keinen freien Willen, sind ausgeliefert, abhängig… Jemand oder etwas spielt mit ihnen, gibt vor, wie sie sich zu bewegen haben, wie sie agieren sollen… Es ist allerdings sehr fraglich, inwieweit die Figuren in Birgit Pleschbergers Arbeiten, diese Wesen zwischen Mensch und Puppe, zwischen Mensch und Maschine, tatsächlich geführt werden! Denn die Seile, an denen sie hängen, sind vielfach nicht gespannt, im Gegenteil, sie sind teils so locker, dass die Figuren Gefahr laufen, sich in diesen Netzen zu verfangen. Netze, die sowohl Sicherheit wie auch Abhängigkeit bedeuten können.

Eine Verbindung durch die Seile ist in einer Arbeit dargestellt. Dort wo sich eine Frau und ein Mann gegenüber sitzen und sich über die Seile an ihren Fingern verbinden. Die Bewegungen bedingen somit jeweils die des Gegenübers. Das lässt an die einzige unmittebare zwischenmenschliche Verbindung denken, die wir alle teilen. Die Verbindung zur Mutter durch die Nabelschnur. Nach deren jäher Durchtrennung wir vielleicht fortan angetrieben sind eine solche Vereinigung wieder zu finden…

Wenn man an Sience Fiction denkt, an die Borgs aus Star Trek oder an Filme wie der japanische Zeichentrick „Ghost in the Shell“, erinnern die Seile auch an Kabel. Kabel, die an eine Docking-Station angeschlossen werden – Stationen die dazu dienen, sich wieder neu aufzuladen oder wie die Borgs es tun – sich die Updates des kollektiven Wissens und Bewusstseins anzueignen.

So genannte Cyborgs – eine Mischform aus lebendigem Organismus und Maschine – sind, nach Ansicht des Philosophen Walther Christoph Zimmerli im Grunde schon alle Menschen, die in einer Abhängigkeit mit der sie umgebenden Technik leben. Und das tun wir hier alle. Wir sind abhängig von unseren Autos, den Flugzeugen, den Computern, dem Internet, dem Handy – das zwar kabellos funktioniert, aber genauso ständig mit dem Netz verbunden ist – niemand von uns – das würde wohl auch niemand von sich behaupten – ist unabhängig. Wir hängen alle – in unterschiedlicher Ausprägung – in Netzen, in technischen und materiellen und in Netzen zwischenmenschlicher Beziehungen; bewegen uns in sozialen Netzwerken, hängen in persönlichen Abhängigkeiten und den Verstrickungen unserer eigenen Vorstellungen. Denn wir sind nicht nur von unserer Umgebung abhängig, sondern auch von uns selber. Wir folgen unseren eigenen Mustern, sind uns selber hörig.

Die Frage, die wir uns alle stellen können ist, welche dieser Verbindungen und Verstrickungen wir lösen wollen und welche behalten, ja vielleicht sogar noch enger knüpfen sollten, damit wir nicht fallen?

Begleitet werden die Figuren in den leeren Räumen vielfach von Hüpfbällen – einem Kinderspielzeug, das Leichtigkeit, Unbeschwertheit und Vergnügen suggeriert. Diese leblose Materie ist aber nicht ans Netzwerk angeschlossen! Birgit Pleschberger befreit diese Elemente aus der Zweidimensionalität und bringt sie als Objekte in den Raum. Eine Brücke zwischen unserer Wirklichkeit und der Wirklichkeit ihrer Bilder entsteht. Somit erreicht die Künstlerin für uns einen höheren Grad an Identifikation mit den Figuren ihrer Arbeiten.

Anders als Oskar Schlemmers Intention, Figuren ohne reflektierendes Bewusstsein darzustellen, sehe ich bei den Arbeiten von Birgit Pleschberger eben gerade ganz deutlich das Bewusstsein darüber, in welchen Abhängigkeiten wir Menschen leben, auch wenn wir durch die Leichtigkeit im unschuldigen Spielen scheinbar alle Schwere verlieren oder die Zurückgezogenheit in uns selbst suchen, sind wir von den verschiedensten Seilen gehalten und gefangen.