PARADIES 2007
Heinrich von Kleist beschreibt in der Novelle „Über das Marionettentheater“ das Zwiegespräch mit einem sehr talentierten Tänzer, den er zum wiederholten Male beim Besuch eines Marionettentheaters antrifft. Dieser Tänzer ist von der Grazie der Marionetten, deren Beweglichkeit, Leichtigkeit und Ebenmaß fasziniert. Er ist überzeugt, dass deren Anmut von einem Menschen schlechthin unmöglich zu erreichen ist, denn das Bewusstsein hindert ihn daran. Es geht in Kleists Novelle so auch um die Frage nach dem Verlust der Leichtigkeit, die den Menschen abhanden ging, als sie vom Baum der Erkenntnis aßen. Die Grazie der Marionetten könne nur noch von einem Gott erreichet werden, meint der Tänzer oder - so schlussfolgert Kleist – wenn der Mensch zum zweiten Mal vom Baum der Erkenntnis äße.
Eine Serie von großformatigen Zeichnungen von Birgit Pleschberger trägt den Titel „Paradies“ und zu sehen sind marionettenähnliche Figuren… (...)
Auf den großformatigen Zeichnungen von Birgit Pleschberger sind junge Menschen zu sehen, alleine, zu zweit oder mehrt. Sie spielen, vergnügen sich, sind miteinander in Kontakt, wenden sich voneinander ab. Sie sind teils in Aktion zeichnerisch fixiert oder wirken arretiert, in einer unbewegten Position festgehalten. Drei wesentliche Merkmale verbinden alle Protagonisten der Paradies-Serie: Sie alle agieren auf einer bühnenhaft wirkenden, indifferenten, leeren Plattform, ihre Ellbogen, Knie und Kiefer sind durch Scharniere ersetzt und an ihren Finger- und Zehenspitzen, sowie an den Schultern sind mittels Hacken Seile befestigt, die sich ornamental über die Bildfläche verteilen, um schließlich über deren Rand hinauszuführen.
Auch wenn die Figuren durchaus sehr menschliche Züge haben, sehen wir uns gleich an Marionetten und Gliederpuppen erinnert, denen eine Unmenge an Zuschreibungen gemacht wird. Marionetten sind gelenkt, geleitet, sie haben keinen freien Willen, sind ausgeliefert, abhängig… Jemand oder etwas spielt mit ihnen, gibt vor, wie sie sich zu bewegen haben, wie sie agieren sollen… Es ist allerdings sehr fraglich, inwieweit die Figuren in Birgit Pleschbergers Arbeiten, diese Wesen zwischen Mensch und Puppe, zwischen Mensch und Maschine, tatsächlich geführt werden! Denn die Seile, an denen sie hängen, sind vielfach nicht gespannt, im Gegenteil, sie sind teils so locker, dass die Figuren Gefahr laufen, sich in diesen Netzen zu verfangen. Netze, die sowohl Sicherheit wie auch Abhängigkeit bedeuten können. (…) text: Verena Kaspar. Zur Ausstellung Strabag Kunstforum 2008 (Ausschnitt).